Gründerinnen-Interview mit Buchhändlerin Melanie Brauchler


In meiner Selbstständigkeit als Marketing- und PR-Beraterin für Gründerinnen, Dienstleister und KMUs bereichern  zahlreiche Begegnungen mit tollen Gründerinnen meine Tätigkeit. Hinter jeder Unternehmerin steckt eine ganz eigene Geschichte und berufliche Entwicklung. Diese Frauen inspirieren mich und es ist ein großes Geschenk mit solchen Existenzgründerinnen und Unternehmerinnen intensiver zusammenzuarbeiten bzw. den Austausch zu pflegen.

In meiner Interviewreihe stelle ich (un)regelmäßig Existenzgründerinnen vor, die den Schritt in die berufliche Selbstständigkeit gewagt haben. Mit diesen Vorstellungen möchte ich andere Frauen ermutigen, die auch mit dem Gedanken “spielen” in die berufliche Selbstständigkeit zu gehen.
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Melanie Brauchler betreibt in Wandlitz in Brandenburg seit Oktober 2017 einen Buchladen mit Café. Bedingt durch eine Berufsunfähigkeit musste sie sich beruflich komplett neu orientieren. In der Phase der Veränderung, animierte sie eine Freundin über ihre Träume nachzudenken. Da erinnerte sie sich plötzlich an den Film „E-Mail für dich“ zurück, in dem ein kleiner Buchladen eine gewichtige Rolle einnimmt. Der lange gehegte Traum vom eigenen Buchladen war plötzlich wieder in Melanie Brauchler geweckt und der Auftakt sich konkret mit der Frage zu beschäftigen, welche Fähigkeiten und welches Wissen sie für eine berufliche Selbstständigkeit benötige.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Anfänge Ihrer Selbstständigkeit?

MB: Spontan erinnere ich mich daran, dass ich die Eröffnung des Ladens um einen Monat verschoben habe. Nachdem irgendwann der für mich perfekte Geschäftsraum vom Himmel fiel, erfüllte sich ein weiterer Traum. Ich bekam eine Konzertkarte für die Toten Hosen in Buenos Aires. Das konnte und wollte ich mir nicht entgehen lassen.
Auch konnte ich mir in der Einrichtungsplanung nicht vorstellen, wie viele Bücher in einen Laden passen. Ich hatte das virtuell berechnet und zwei Freunde hatten mich dabei unterstützt. Dann kamen die bestellten Kisten, wir hatten aus unserer Sicht wirklich schon alle Bestseller-Listen und unsere Favoritenbücher bestellt und gefühlt waren die Regale immer noch leer.

Wie war das mit der Kundengewinnung?

Eigentlich dachte ich, dass die Kundengewinnung schwierig würde. Aber Kunden zu finden war gar nicht so schwer. Die Ladeneröffnung war wie ein Volksfest und ziemlich chaotisch, verbunden mit zwei Wochen Nacharbeit bis die Kasse wieder stimmte. Die Dankbarkeit der Kunden, dass es nun einen Buchladen im Ort gab, habe ich vom ersten Tag an gespürt. Wir haben zur Eröffnung 1000 Flyer verteilt, aber es waren viel viel mehr Kunden da.
Ich bin sehr früh mit den Infomaterialien der Verlage an die Schulen und Kindergärten herangetreten und habe diese „versorgt“. Über die Kinder habe ich den Zugang zu den Eltern bekommen. Viele Eltern kannten meinen Laden nicht und hätten ihn ohne ihre Kinder auch nie kennengelernt. Die Kinder haben Zuhause von meinen Besuchen erzählt und so kam ich in die Wahrnehmung der Erwachsenen. Heute genießen die Eltern gemütlich eine Tasse Kaffee im Laden, während die Kinder in ihren Büchern stöbern oder den Kinderlesungen lauschen. Das ist sehr personalintensiv, aber genau so habe ich es mir immer vorgestellt und gewünscht.
Heute ist es so, dass aus meinem Engagement für Themen und Projekte, die nicht wirtschaftlich, mir aber wichtig waren, ich etwas zurückbekomme – in Form von Aufträgen, aber auch durch persönliche Wertschätzung.

Welche (unerwarteten) Herausforderungen gab es?

Schwierig war es für mich, Bücher im Laden anzubieten, die ich selbst nicht kannte. Hier Mut zur Lücke zu zeigen und den Perfektionismus abzulegen und auch neue, unbekannte Bücher auszuwählen, war nicht einfach. Außerdem musste ich auch mein Sortiment umstellen. Ich musste mich erst auf die Bedürfnisse meiner Kunden einstellen. Fantasy- und Bastelbücher waren nicht so gefragt, dafür aber z.B. Esoterik. Ich brauchte auch jemanden, der mich auf die betriebswirtschaftlichen Zahlen stieß, denn im Regal stehende Bücher sind nun mal gebundenes Kapital und damit verdient man kein Geld. Ich habe mich auch vom umfangreichen Sportbücher-Repertoire getrennt, das viel mir sehr schwer, war aber richtig!
Auch das Gewinnen von Großkunden wie z.B. Bibliotheken war nicht einfach, aber da hilft Hartnäckigkeit und Service. Man darf sich nicht ärgern wenn etwas nicht gleich klappt, sondern man muss sich einfach immer wieder beweisen und dann ergibt sich automatisch eine Chance. Mit Blick auf den dritten Geburtstag des Buchladens, bekomme ich hier nun bereits ein großes Stück vom Kuchen ab.

Welche persönlichen Tipps mögen Sie an angehende Existenzgründerinnen weitergeben?

Man darf auf keinen Fall versuchen, alles alleine zu machen und denken, das schaffe ich schon. Man muss auch mal Luft holen; mir ging nach dem zweiten Monat schon fast die Kraft aus! Mit der Einstellung der ersten Teilzeitmitarbeiterin konnte ich mich auch wieder etwas um mich kümmern. Ich habe auch unterschätzt, wie viel ich hinter den Kulissen zu tun habe. Auch die Zusammenarbeit mit Dienstleistern wie dem Steuerberater braucht Vorarbeit und dafür benötigt man Zeit.
Es kommen kontinuierlich Neuerungen und Änderungen z.B. steuerliche oder gesetzliche, mit denen ich mich beschäftigen muss. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, dass ich mich aber davon nicht aus der Ruhe bringen lasse, denn solche Veränderungen betreffen meist nicht nur mich, sondern alle in der Branche.
Ich habe bei der Gründung viele staatliche Förderungen in Anspruch genommen. Im Nachgang gab es damit verbunden, noch einige bürokratische Hürden zu überwinden bzw. ich musste Rückzahlungen leisten. Das würde ich mir rückblickend nächstes Mal genauer anschauen. Wer einen Bankkredit benötigt, sollte hier großzügiger denken und einen Puffer für schlechte Zeiten einbauen. Nicht zu knapp kalkulieren, sondern lieber die Laufzeit zu verlängern!

Welche Erfahrungen haben Sie mit Krisen in der Selbstständigkeit und was macht das mit Ihnen?

Ich bin schon ziemlich krisenerfahren: 2019 fehlten durch die überraschende Schließung einer Touristenattraktion im Ort rund 500 Tsd. Sommergäste. 2020 hat uns Buchhändler die Corona-Krise überrollt. Ich bin begeistert und dankbar für die Empathie meiner Stammkunden, die mich in solch schwierigen Zeiten unterstützen. Indem sie Empfehlungen an den Nachbarn für meinen Buchladen aussprechen, für mich Kundenakquise betreiben und selbst verstärkt bei mir einkaufen. Die Kunden wollen, dass der Laden über- und weiterlebt, denn er ist kein klassischer Buchladen sondern wirklich ein soziales Zentrum.

Welchen beruflichen Wunsch hätten Sie an eine gute Fee, die vorbeifliegt?

Ich bin schon sehr glücklich! Ich wünsche mir, dass meine zwei Mitarbeiterinnen und ich hier „rund um die Uhr“ im Laden sein können. Der Laden lebt von den verschiedenen Beratertypen und es wäre großartig, wenn zwei angestellte Vollzeitkräfte und ich hier zusammenarbeiten und auch gut davon leben könnten.

Was lesen Sie privat am liebsten?

Kinderbücher für Erwachsene sind unglaublich schön illustriert, da verliebe ich mich schon in die Illustrationen von Benjamin Lacombe. Durch das berufsmäßige Lesen habe ich für mich die Klassiker wiederentdeckt. In Fontane habe ich mich in seinem Jubiläumsjahr wieder eingelesen und die Schönheit seiner Sprache neu entdeckt. Mein absolutes Lieblingsbuch 2019 ist „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens.

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